Der Tod in Friedenau oder die Leidenschaft des Dr. Fontanelli

Die Engel über den Türen und Toren der Aue sollen dem Ahnungslosen bedeuten – wir schützen dich, tritt ein.
Umso bestürzender der Fall eines Dachbodenfundes im Jahr 1946 in der Nähe des Perelsplatzes.

(Quelle: Wikipedia)
Ein praktizierender Hausarzt hatte sich im gutbürgerlichen Viertel, Macht über seine Patienten verschafft, sich Vollmachten ausstellen lassen, um deren Gehirne posthum plastinieren zu lassen. Bei seinem Namen konnte es sich nur um einen „Künstlernamen“ handeln. Der Mann war als Dr. Fontanelli bei der Ärztekammer registriert. Aber wie es Frauenärzte gibt, die Dr. Fummel heißen und Rektoskopisten die Frau Dr. Loch heißen, war es niemandem aufgefallen, dass Fontanelli eine Vorliebe für Fontanellen und alles was darunter liegt, hatte – nomen est omen.
Fasziniert vom menschlichen Gehirn und dessen Studium sammelte er 641 in Scheiben geschnittene Hirne. Die alte Frage aufwerfend, wo die Seele des Menschen sitze, antwortete er stets: „Im Gehirn, wo sonst!“ Diesen Ausruf gab ein alter Weggefährte zu Protokoll, den er regelmäßig im Grand Cru Club traf, einem Männer vorbehaltenen Weinkennertreffen.
Der Seelensammler wurde von der Neugier einer Putzfrau überführt, die den Dachboden, der auch den Krieg unbeschadet überstanden hatte, aufschloss und den grausigen Fund machte. Fontanelli, der eigentlich aus Uruguay stammte, flüchtete zunächst in seine Heimat um dem Rechtfertigungsdruck zu entgehen.
Aus dieser Zeit in Südamerika ist auch ein Briefwechsel erhalten, der zum einen den Namenswechsel Fontanellis belegt – er nennt sich nun Hermann Peter und zum andern belegen sie eine heftige Affäre in den frühen 60ern.

Aus dem Zusammentreffen zweier Welten – der Gelehrte und eine als „elfengleiche Indianerin“ beschriebene Eingeborene, ging ein Sohn hervor.
Fontanelli lies Frau und Kind 1963 in Uruguay zurück und ging mit einer kurzen Zwischenstation in Brüssel nach Frankreich. In dem kleinen Städtchen Lucy-le-Bocage eröffnete er eine Praxis – mit großem Erfolg. Sogar ein Autobahnrastplatz ist nach ihm benannt worden, er war ein angesehener Mann mit weitreichenden Kontakten.

Von seiner Lust am Forschungsobjekt Gehirn konnte er allerdings nicht lassen, wie nun ein Fund in England belegt. Die dort aufgetauchte Gehirnplatten-Sammlung ist noch umfangreicher als jene in Berlin, die damals der Charité übergeben wurde. Das Museum, dem man die Gehirne angeboten hatte, hatte vor dem Zuschlag Erkundigungen eingeholt und war über den Namen Dr. Fontanelli auf die Sammlung der Charité gestoßen. Die Sammlung Fontanelli bleibt die umfangreichste Sammlung menschlicher Gehirne weltweit. Auch wenn sich Frösteln und Gänsehaut beim Anblick einstellen, eine gewisse Faszination geht dennoch von ihr aus.

Wenn man die Engel in Friedenau sieht, dann sollte man daran denken, dass sie immer auch Wesen aus der Zwischenwelt sind, die ins Jenseits weisen. Wie wir dort hinkommen, das sollten wir nicht dem Arzt unseres Vertrauens überlassen oder in manchen hoffnungslosen Fällen vielleicht doch.
Dr. Fontanelli soll mit Schmerzmitteln, Potenz steigernden Substanzen und Stimmungsaufhellern immerhin nie gegeizt haben.1

  1. Alles Gute lieber Jan. []

Eine Antwort zu “Der Tod in Friedenau oder die Leidenschaft des Dr. Fontanelli”

  1. Karin Sagt:

    Einen Totenkopf aus Bildern von Gehirnen zu erstellen, drauf muss man erstmal kommen. Ich bin mal gespannt von welcher Muse dr Künstler da geküsst wurde.

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