

Was sagt uns dieser Zettel?
Eine “Jumelage” ist keine dumme Lage, sondern eine Städtepartnerschaft, die der Franzose vom Zwilling (m. “jumeau” und w. “jumelle”) ableitet. Man will also mit seiner Stadt im Ausland nicht nur verpartnert sondern auch verwandt sein, entweder ein- oder zweieiig.
Die Franzosen importieren die Deutsche Kultur nach Bricquebec – eine kleine Stadt in der Normandie.
Wie sieht das genau aus. Im Ausland versteht man unter dieser Kultur immer noch: das Oktoberfest. Will sagen Blasmusik, Bier und Sauerkraut und Schlachtplatte.

Ja!
250 Portionen Sauerkraut werden an diesem Abend von einem Koch aus Straßbourg gekocht und dazu Bauchfleisch und diverse Würsten, über die die Normannen im Saal zwischen 80 und 8 Jahre alt herfallen.
Noch so eine Innenveranstaltung die mit dieser Altersstreuung in Berlin nahezu undenkbar ist – außer bei Pur-Konzerten.
(Zum “Loto” muss ich an anderer Stelle noch berichten.)
Wenn als Beginn 20.30 Uhr auf einer Einladung steht und es heißt “a la française”, dann bedeutet das, man kann um 20.30 Uhr von zu Hause losgehen, auch wenn man eine Stunde Fahrt vor sich hat, man ist dann immer noch pünktlich. Wer zu früh kommt, trinkt eben einen Kir mehr.
Eine 10 köpfige Band (l´orchestre) mit komplettem Bläsersatz erscheint gegen 22.30 Uhr in Lederhosen und mit grünen Filzhütchen auf dem Kopf – mir schwant Böses.
Ich lerne, dass “Prosit der Gemütlichkeit” weltbekannt ist und auch von Franzosen gerne mitgesungen lautstark mitgesungen wird. Quasi zeitgleich wird das Sauerkraut serviert. 250 Portionen werden alle an den Platz gebracht, das kann dauern.

Es schmeckt tatsächlich Original, das Deutsche Bier dazu und das französische Brot und Zack die Erinnerung an den Sauerbraten der Oma in der Pfalz ist wieder da, die Geschmacksnerven vergessen nichts.
Die Band (natürlich verkleidete Franzosen) hat jedes bekannte Bierzeltlied drauf und übernimmt die Animation der willigen Gäste, gewinnt Tisch um Tisch.
Trinkspiele werden eingebaut, es soll keiner nüchtern nach Hause gehen.
Nach dem 1. “Baron de bière” (das ist kein heimlicher französischer Bierkönig, sondern die für Franzosen astronomische Menge von 0,5 Liter Bier – vom Litermaß wollen wir hier mal gar nicht reden), wird nicht nur profimäßig geschunkelt, sondern auch auf die Stühle geklettert, vereinzelt auch auf Tische, was schlitzohrige Tischnachbarn nutzen, um die Schnürsenkel der Auf-die-Tische-Steiger zu verknoten.
Sie haben Humor die Franzosen.

Nach dem Käse 23.30 Uhr und dem Nachtisch 0.05 Uhr (ich schwöre, eine leckere Schwarzwälderkirschtorte), verkrümmelt sich die Band und erscheint nach und nach im Showoutfit wieder und spielt ein Stück, dessen Ankündigung mir leider entgeht. Schlagartig sind 150 Bricquebecer auf der Tanzfläche und folgen alle dem gleichen Tanzschritt, es fällt mir die Kinnlade runter, groß klein und die Mitsechziger, alle schwofen im gleichen Tanzschritt, die höfischen Tänze (die mittelalterliche Burg – nur einen Steinwurf entfernt) haben sich hier über Jahrhunderte gehalten?
Nun, nicht ganz, auf mein Nachfragen hin lerne ich, dass man “on danse là-dessus” angekündigt hat und das ist ein Zeichen, für die Menschen, die in Tanzschulen waren (also in diesem Festsaal satte 60 %) ihr Können zu demonstrieren.
Dann werden französische Standards, Latins und schließlich Rock´n ´Roll gespielt. Die normannische Kuh fliegt und mittlerweile ist man nicht mehr im Bierzelt, sondern im heutigen Frankreich, dass auch wenn es Sauerkraut (“chouchroute”) gibt, die Kultur des Abends diktiert. Ach wäre es in Deutschen Bierzelten doch auch so.
Ich bin begeistert.