Archiv für die Kategorie ‘Im Ausland isses anders’

Zwei Jahre Frankreich # 35 Eunuchen und Lolitas

Samstag, 26. Juli 2008


Wenn man nur ein Stunde französisches Radio hört, am besten ein Wald-und-Wiesen-Sender, dann kräuselt sich nach kurzer Zeit die Stirn, die Gänsehaut wölbt sich bedenklich und die Zähne fangen an zu klappern.
Ja, die Stimmen! Die Stimmen sind das Problem. Über die Musik reden wir gleich.
Die Männer scheinen hier als Sänger nur ernst genommen zu werden, wenn sie vor dem Stimmbruch ihre Männlichkeit opfern, die Frauen nur, wenn sie klingen als seien sie 15 und hätten gerade die Vorteile des Vibrationsalarms entdeckt.
Ja, die Musik!
Das stelle ich mir so vor.
Zwei, vielleicht drei Studiomusiker in Paris regieren die Szene: immer, wenn sie zuviel gekifft haben, holen sie ihre Instrumente raus und dudeln wild einen Haufen (drei) Akkorde zusammen, während die Aufnahme läuft. Am Ende kommt immer das gleiche Stück raus, man muss nur noch einen Eunuchen oder eine Lolita aus der umfangreichen Kartei anrufen, die dann den schnell hingeworfenen Text (“Sea, Sex and Sun”) ins Micro stöhnt und fertig ist die nächste Dachgeschosswohnung!
Durch die Quote (die französischen Radiosender müssen seit 1996 schon 40 % eigene Herstellung spielen, sonst drohen hohe Geldstrafen, bis hin zum Lizenzentzug) wird der Kram todsicher gespielt!
Was passiert? Die Jugend will nicht immer die Musik gemacht von alten französischen Säcken hören und stürzt sich auf TokioHotel.
Tokio Hotel Cover FranceTokio Hotel Cover FranceBill, Tokio Hotel
Die französische Jugend will Deutsch lernen, um die Texte zu verstehen und die Eltern gruseln sich vor dem LeichenOutfit von Bill. Schön, dass die französische Jugend dazu auch deutschsprachige Musik zurückgreift, weil die Identifikation mit französischer Musik kaum erstrebenswert scheint.
Wenn man nun in Deutschland so eine Quote einführen würde, dann würden wir bald nur noch Wolf, Udo, Marius, Herbert und die Humpes im Radio hören. Wer will das schon?

Zwei Jahre Frankreich # 34 Integration erst recht ohne EM-Titel möglich

Montag, 30. Juni 2008

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Die Integration ein paar versprengter Deutscher in der Normandie schreitet voran – erst recht ohne EM-Titel – und das liegt auch in Frankreich an der Vereinsmeierei.
Tatsächlich bin ich (Gründungs-)Mitglied des Vereins “St. Martin en fête” geworden, der sich für die Freizeitgestaltung von 130 Seelen einsetzt.
Wozu man da einen Verein braucht? Grund zum Zum1, Versicherungen reich machen, Präsidentenwahl nachspielen, sind einige Stichworte.
Die Idee für das erste Projekt Anfang Juni naheliegend:
Übertragung des Fußballspiels am 13.6.2008 Frankreich – Holland auf großer Leinwand2 in unserem Hof.
Also schnell eine Einladung foot Einladung an alle 130 Einwohner raushauen und organisieren.
zelt aufbau
Das Zelt liefert der Verein aus dem Nachbardorf. Es wird von 14 (!) freiwilligen Helfern aufgebaut und bietet Sitzplätze für 65 Gäste. Man braucht immer ein Zelt in der Normandie, wir sind hier ja nicht in Südfrankreich.
zelt aufbauzelt aufbau
Ornaje Poppins hatte für die nötige Dekoration per Eilpost aus den Niederlanden gesorgt und nach nur einer Stunde stand alles schon am rechten Ort, incl. Beamertest.
Wer denkt Organisation sei eine deutsche Disziplin?
Am nächsten Tag kamen dann 83 Gäste, also knapp 64% der Gesamtbevölkerung, die sich an vier rauchenden Grills bis tief in die Nacht hinein wegen des guten Wetters Selbstmitgebrachtes grillten und auch nach dem verlorenen Fußballspiel, nicht aus der Ruhe zu bringen waren und blieben.
Ein ländliches Familienfest. Typisch für Frankreich die Altersmischung zwischen 4 Monaten und Mitte 80 war jedes Alter vertreten.
holland
Holland hat der Sieg ja nicht sehr viel weiter gebracht, aber die Integration hat gewonnen an diesem Abend. Meine 60 “panekoeken”3, die nichts anderes als crêpes waren, hatte ich innerhalb von einer Viertelstunde an den Mann gebracht. Strike!
Tatsächlich gab es Leute (vor allem Frauen), die ihre normannischen Holzschuhe getragen haben und einige haben auch Holländische Gerichte mitgebracht.
Die erste Veranstaltung unserer association “St. Martin en fête” war ein voller Erfolg, es scheint Bedarf für mehr Festivitäten aller Art zu geben.
Das nächste mal werde ich allerdings nicht in einem orangfarbenen Hut mit Fußballbommeln oben drauf herumlaufen, es könnte ja sein, dass manche nicht verlieren können.

  1. u.a. Kommunikation aber auch angeheiterte Kommunikation sprich Vorglühen, Dauerbrennen, Druckbetankung, Nachbrennen []
  2. Ganz im Sinne des Stefanschen Garagen-Fußball-Schauens – einer alten Friedenauer Tradition []
  3. auch dies eine alte Stefansche Garagen-Fußball-Schauen-Traditions-Regel – man muss die kulinarische Kultur des Gegners kennen, um gewinnen zu können []

Zwei Jahre Frankreich # 33 – Verlängerung

Sonntag, 29. Juni 2008

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So nun ist es endlich amtlich, unser Aufenthalt verlängert sich um ein weiteres Jahr.
Bisher vermisse ich “nur” die lieben Berliner/innen und meine Hobbys, nicht aber die Stadt Berlin.
Vielleicht das kulturelle Angebot und manchmal die kulinarische Vielfalt.
Ja, ich gebe zu, gelegentlich sehne ich mich nach einer Currywurst.
Kurz gesagt: innerhalb eines Jahres schrumpft die Stadt auf einen würzigen Nachgeschmack zusammen.

Ein Jahr Frankreich # 32 – 6.6.1944 – Die Landung – Le Debarquement

Freitag, 06. Juni 2008

Ein Jahr Logo
Meine wenig feinfühligen Nachbarn haben mir, nachdem wir von unserem Ziel Normandie berichtet haben, ein wenig Lesestoff geschenkt:
Aus “Normandie – Deutsche Kriegsgräberstätten” (ja, das meinten die zwar nicht so, aber naja).
6.6.1944 Landung Normandie
(klicken zum Vergrößern)
Über jene betagten Nachbarn erfahre ich aber auch wichtige Details:
1. jeder Franzose hat einen Bildband über die Landung in der Normandie im Schrank stehen und
2. Die Normandie arbeitet immer noch mit dem Image des besetzten bzw. befreiten Landes.
3. Trotz allem ist man nicht nachtragend, so langsam wächst Gras über die Sache, auch wenn einem als Deutscher sofort mulmig wird, bei der Konfrontation mit der Geschichte.
Souvenir du debarquement
Im Museum direkt am Strand von Utah-Beach erfahre ich, dass die Landung um ein Haar schiefgegangen wäre, die Truppen landeten 1800 m weiter südlich. Das Ergebnis dieses “Fehlers” sie landeten außerhalb der Reichweite der deutschen Geschütze! Ein Glück passieren manchmal Fehler, die sich als Segen herausstellen.
utahbeachmuseum
(klicken zum Vergrößern)
Alle par Kilometer, gibt es ein Museum mit Wehrmachts und Alliierten-Plunder. Alle Kilometer wird man auf die “Voie de la Liberté” aufmerksam gemacht. Sie markeiert den Weg, den die Alliierten nahmen, um Frankreich und die Welt von Hitlerdeutschland zu befreien.
voie de la liberté
(klicken zum Vergrößern)
“Les bornes de la voie de la liberté” (Meilensteine) Hier in Valognes vor dem Rathaus.
Valognes 1944, Normandie, France
Nach der Landung am 6.Juni hat es noch geschlagene 14 Tage gedauert, bis die Menschen in Valognes befreit wurden, obwohl das nur 30 Kilometer Ackerland sind. Der Dampfhammer des Krieges fiel hier besonders heftig. Nur einen Moment später müßte dann auch unser St. Martin le Hébert befreit worden sein.

Ein Jahr Frankreich # 31 Der 8.Mai

Mittwoch, 07. Mai 2008


3 Nationalfeiertage gibt es in Frankreich und alle sind mit kriegerischen Handlungen verknüpft:

8. Mai – Befreiung von Hitler-Deutschland
14. Juli – Sturm auf die Bastille
11. November – Deutsche Kapitulation und Ende des 1. Weltkrieges

Wenn also morgen wieder in unmittelbarer Nähe eine Prozession abgehalten wird, so schaue ich mir diese mit gemischten Gefühlen an, da ich mir kaum denken kann, wie die jüngere Generation heute über den Tag der Befreiung empfindet? Und vor allem wie steht man heute zu den Deutschen in diesem Zusammenhang?
Ein französischer Geschichtslehrer sagte mal zu mir “Vous avez perdu”, ihr habt verloren, deshalb feiert ihr nicht. Seither denke ich darüber nach, ob wir wirklich feiern würden, hätten wir gewonnen.
Eigentlich sollte ich als ein Zeichen die “Peace” Flagge hissen und alle Prozessionsteilnehmer zu Würstchen und Kartoffelsalat einladen, aber das könnte mir als Versuch ausgelegt werden, nachträglich den Krieg noch gewinnen zu wollen.
Dann doch lieber nach Esslingen reisen und an der Demonstration teilnehmen gegen Hitler und Faschismus.
8.Mai

Ein Jahr Frankreich # 30 Maiglöckchen

Freitag, 02. Mai 2008


Ein schöner Brauch zaubert am 1. Mai Tischchen auf die Straße hinter denen Kinder, Rentner und sonstige Geschäftstüchtige sitzen. Auf den Tischchen nichts als Maiglöckchen.
maigloeckchen
Hier gilt das Maiglöckchen als Glücksbringer und wird deshalb an die Lieben verschenkt.
bei www.voila-la-france.de finde ich genauere Adressaten für die Blümchen:

Am ersten Mai schenkt man den wichtigen Frauen in seinem Familienkreis (Oma, Mutter und vor allem Frau/Freundin) einen Strauss Maiglöckchen oder einen Strauss Blumen mit Maiglöckchen drin. Wenn Sie das bei einer Französin vergessen, dann brauchen Sie ihr eigentlich zum Geburtstag nur noch etwas Praktisches für den Haushalt zu schenken (beispielsweise ein neues Bügeleisen) und die Scheidung ist Ihnen sicher.

So schön sie duften, so giftig sind sie. Die Blumen meine ich.
“Le muguet” klingt so gar nicht nach unserem Wort, kein Mai keine Glocken nirgends, aber die kleinen weißen Glöckchen heißen clochette von “la cloche” die Glocke, somit also wenigstens die Glocken mitschwingen.

Ein Jahr Frankreich # 29 Schule in Frankreich

Sonntag, 20. April 2008

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Die Tochter geht in ein Klassenzimmer mit offenem Kamin, in dem König Charles der X. schon mal geschlafen hat – immerhin 3 Nächte.
valognes ecole St. mére Marie
Die Kantine wird von einem Riesen geleitet, der seine Pappenheimer genau kennt und liebevoll bestimmt darauf achtet, dass auch der Gemüsemuffel die Karotten probiert, wenigstens eine.
Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise, immer Käse und Brot. Esskultur muss auch in der Schule sein.
3 Schulstunden am Vormittag, 3 am Nachmittag, dazwischen Pausen.
Jeden Morgen, Mittag und Nachmittag der Verkehrsgau vor der Schule.
Hausaufgaben jeden Tag, auch über die Ferien.
Willkommen im Französischen Schulsystem!
Neuerungen unter Sarkosy: die Kinder müssen die Nationalhyme auswendig können und aufstehen, wenn sie sie hören, Französische Kultur und Französische Grundwerte sollen vertieft werden. Aha!

Ein Jahr Frankreich # 28 Cap de la Hague oder Radioaktivität im Trinkwasser

Donnerstag, 10. April 2008

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Heute mal was ernstes.
Windkrafträder
Als kürzlich hier ein Windkraftrad einen Flügel verlor, glaubte man endlich einen Grund gefunden zu haben, die häßlichen Dinger abzureissen. Eine 120 Meter weiter weidende Kuh hätte es um ein Haar erwischt .
Das beschauliche Landleben kann über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen: Die fielen Hochspannungsleitungen künden von einer Atomstrommacht (mit 58 Atommeilern ist Frankreich No 2 in der Welt).
Die Atomindustrie will auch “Die letzten Zweifler” (Vorsicht Satire!) davon überzeugen, dass es keine Radioaktivität in der Umwelt gibt, auch wenn man im Juli 2007 so etwas wie einen Störfall (hier von der Deutschen Tagesschau festgehalten) einräumen musste. Von “0″ wurde auf “1″ hochgestuft (7 ist der GAU).
toter Fisch
Auch wenn dieser tote Fisch am Strand in der Nähe des teilweise unterirdischen Atomkraftwerkes Flamanville …
Flamanville Atomkraftwerk
(März 2007)
…nichts mit der angeblich nicht vorhandenen Strahlung zu tun hat, so bekommt man beim Blick in die Broschüre des Wasserversorgers (Saur) doch einen Schrecken, wenn dort Radioaktivität neuerdings aufgeführt wird:
Trinkwasser Radioaktivität
Der Wert wird mit “0″ angegeben.
Aber ich möchte wetten, dass demnächst irgendwo hinter den vielen Nullen eine Eins steht, man muss das Volk langsam mit Wahrheiten konfrontieren, die man jahrelang unter Verschluss hielt.
So hat man den Franzosen auch weiß zu machen versucht, dass die atomare Wolke beim GAU nach Tschernobyl an Frankreich vorbei flog.

Ein Jahr Frankreich # 27 “Du lebst auf dem Land, wenn…”

Dienstag, 08. April 2008

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Um die Umstände auf die wir uns hier eingelassen haben zu verdeutlichen, kann man auch den Satz mit immer neuen Endungen versehen.

Du lebst auf dem Land, wenn … der nächste Bäcker 2 km entfernt ist.
Du lebst auf dem Land, wenn … der Bus nur zweimal am Tag fährt.
Du lebst auf dem Land, wenn … du ab und zu ein Schaf oder eine Kuh oder ein Pferd vor der Haustür stehen hast.
Du lebst auf dem Land, wenn … keine Sau rückwärts einparken kann.
Du lebst auf dem Land, wenn … du die Mausefallen schon vor dem Frühstück neu durchgeladen hast.
abschleppwagen Frankreich
Dazu folgendes. Während in Deutschland gewöhnlich Marder die Leitungen in Autos annagen, sind es hier in der Normandie Mäuse.
Die Geschmacksrichtung neues deutsches Fabrikat gibt es hier nicht so oft, weshalb sie bei den Mäusen unglaublich begehrt ist.
Eines morgens springt der Wagen nicht mehr an. Nach einer Abschleppaktion zum nächsten Garagisten dann die Erkenntnis, der Benzinschlauch wurde nicht nur durch und abgebissen, sondern auf einer Länge von 5 Zentimetern verschleppt. Das Auto ausgelaufen, startet nicht mehr.
Die Werkstatt schwört Stein und Bein es war eine Maus. Diese rennt nun aufgetankt und mit rot unterlaufenen Augen durch die Normandie.
Seither muss dieser Maus besseres als Benzinschläuche serviert werden, um sie von neuerlichen Dummheiten (die pro Gelage 150.-€ kosten) abzuhalten.
Der Geheimtip in Mausefallen macht man keinen Speck und schon gar keinen Käse, sondern Schokolade (85%), das ist todsicher.
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Ein Jahr Frankreich # 26 “Laiterie”

Freitag, 04. April 2008

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Rein zufällig fällt mir im Supermarkt eine “Artenvielfalt der Buttersorten” auf, die ich in Deutschland so noch nicht wahrgenommen habe. 14 verschiedene Sorten.
Natürlich “Doux” oder “Sel” oder “Demi-Sel”, aber 14 verschiedene Hersteller ohne vorne genannte Varianten. In Worten 14 verschiedene Buttersorten!
Man stelle sich nur die Diskussionen am Tisch vor, die um die Butter entbrennen können:
“Oh ne, du hast die mit den Salzbrocken genommen!”
“Ja, aber die wolltest du doch!”
“Nein, ich will die milde von Valco aus Valognes unter meine Feigenmarmelde, die Demi-Sel von xy bitte hierzu, die mit den Salzbrocken abends, die zum kochen, die für usw.
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Butter am Geschmack erkennen, das wär doch was für “Wetten dass…?”
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Ein Jahr Frankreich # 25 Musikschule

Donnerstag, 03. April 2008

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Zu den Mittwochsaktivitäten (Die Schüler haben am Mittwochnachmittag frei, so dass alle Freizeitaktivitäten auf diesen Tag gepackt werden) gehört auch z.B. der Unterricht an Musikschulen.
centre musical, Briquebec, Normandie, France
Dieser ist in zwei Einheiten aufgeteilt: Theorie und Praxis, zwei Lehrer, zwei Fachleute.
Unser Großer sollte nun den in Deutschland begonnenen Saxophonunterricht weiterführen.
Der Streß beginnt weit vor dem Unterricht, es gibt nur einen Einschreibungstermin für das gesamte folgende Jahr und das ist die 1. Septemberwoche. In dieser Woche nach den großen Sommerferien organisiert der Franzose die Freizeitaktivitäten seiner Kinder für das ganze Jahr.
Wenn man einen Platz ergattert hat, dann beginnt die Lektion “Perfektionismus I”.
Versuchte man in Deutschland sich so durch die Stücke hindurchzublasen, wird hier nach jeder Note die falsch war angehalten. Düüd “Faute!” – Fehler. Düd, Düüd. “Faute!” Düd, Düd Düüd “Faute!”
Ende des Kuschelkurses. Heulen und Zähneklappern.
Lange Diskussion und die Erkenntnis:
Wer nach der ersten Stunde noch Lust hat ein Instrument zu lernen, der muss schlucken, dass der Hammer in Frankreich höher hängt oder zumindest woanders.
Man orientiert sich nach Oben. Es gilt ein Ideal zu erreichen.
Ob das nun sinnvoll ist oder nicht, sei dahin gestellt, es ist in jedem Fall eine andere Grundhaltung und gar nicht böse gemeint, sondern gesellschaftlich verwurzelt.
Im Theorieunterricht “Perfektionismus II” geht es dann darum Noten zu erhören, Melodien notieren zu können, obwohl man nur eine Note genannt bekommt und Rhythmen zu klatschen nach den Noten, die man wie eine Sprache zu lesen lernt. Das Werk des Komponisten gilt es 1 : 1 umzusetzen, der Instrumentalist ist kein Komponist!
Nachdem wir uns an diese Art zu arbeiten gewöhnt haben und den Musiklehrer als Mensch schätzen, kann man auch mit dieser Anspruchshaltung besser umgehen und der Lernerfolg stellt sich ein.
Sicher ist unsere Musikschule und die Lehrer nicht repräsentativ.
Zumindest in Briquebec ist die Qualität der Ausbildung Spitze und ich freue mich über Vergleiche.
Hier lerne ich auch, dass die Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit, der Biss eher französische als deutsche Tugenden sein könnten.

Ein Jahr Frankreich # 24 “Fête de la bière” oder der Import deutscher Kultur nach Frankreich

Mittwoch, 02. April 2008

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fete de la biere
Was sagt uns dieser Zettel?
Eine “Jumelage” ist keine dumme Lage, sondern eine Städtepartnerschaft, die der Franzose vom Zwilling (m. “jumeau” und w. “jumelle”) ableitet. Man will also mit seiner Stadt im Ausland nicht nur verpartnert sondern auch verwandt sein, entweder ein- oder zweieiig.
Die Franzosen importieren die Deutsche Kultur nach Bricquebec – eine kleine Stadt in der Normandie.
Wie sieht das genau aus. Im Ausland versteht man unter dieser Kultur immer noch: das Oktoberfest. Will sagen Blasmusik, Bier und Sauerkraut und Schlachtplatte.
Logo, Fete de la biere, Briquebec, Normandie
Ja!
250 Portionen Sauerkraut werden an diesem Abend von einem Koch aus Straßbourg gekocht und dazu Bauchfleisch und diverse Würsten, über die die Normannen im Saal zwischen 80 und 8 Jahre alt herfallen.
Noch so eine Innenveranstaltung die mit dieser Altersstreuung in Berlin nahezu undenkbar ist – außer bei Pur-Konzerten.
(Zum “Loto” muss ich an anderer Stelle noch berichten.)
Wenn als Beginn 20.30 Uhr auf einer Einladung steht und es heißt “a la française”, dann bedeutet das, man kann um 20.30 Uhr von zu Hause losgehen, auch wenn man eine Stunde Fahrt vor sich hat, man ist dann immer noch pünktlich. Wer zu früh kommt, trinkt eben einen Kir mehr.
Eine 10 köpfige Band (l´orchestre) mit komplettem Bläsersatz erscheint gegen 22.30 Uhr in Lederhosen und mit grünen Filzhütchen auf dem Kopf – mir schwant Böses.
Ich lerne, dass “Prosit der Gemütlichkeit” weltbekannt ist und auch von Franzosen gerne mitgesungen lautstark mitgesungen wird. Quasi zeitgleich wird das Sauerkraut serviert. 250 Portionen werden alle an den Platz gebracht, das kann dauern.
fete de la biere
Es schmeckt tatsächlich Original, das Deutsche Bier dazu und das französische Brot und Zack die Erinnerung an den Sauerbraten der Oma in der Pfalz ist wieder da, die Geschmacksnerven vergessen nichts.
Die Band (natürlich verkleidete Franzosen) hat jedes bekannte Bierzeltlied drauf und übernimmt die Animation der willigen Gäste, gewinnt Tisch um Tisch.
Trinkspiele werden eingebaut, es soll keiner nüchtern nach Hause gehen.
Nach dem 1. “Baron de bière” (das ist kein heimlicher französischer Bierkönig, sondern die für Franzosen astronomische Menge von 0,5 Liter Bier – vom Litermaß wollen wir hier mal gar nicht reden), wird nicht nur profimäßig geschunkelt, sondern auch auf die Stühle geklettert, vereinzelt auch auf Tische, was schlitzohrige Tischnachbarn nutzen, um die Schnürsenkel der Auf-die-Tische-Steiger zu verknoten.
Sie haben Humor die Franzosen.
fete de la biere
Nach dem Käse 23.30 Uhr und dem Nachtisch 0.05 Uhr (ich schwöre, eine leckere Schwarzwälderkirschtorte), verkrümmelt sich die Band und erscheint nach und nach im Showoutfit wieder und spielt ein Stück, dessen Ankündigung mir leider entgeht. Schlagartig sind 150 Bricquebecer auf der Tanzfläche und folgen alle dem gleichen Tanzschritt, es fällt mir die Kinnlade runter, groß klein und die Mitsechziger, alle schwofen im gleichen Tanzschritt, die höfischen Tänze (die mittelalterliche Burg – nur einen Steinwurf entfernt) haben sich hier über Jahrhunderte gehalten?
Nun, nicht ganz, auf mein Nachfragen hin lerne ich, dass man “on danse là-dessus” angekündigt hat und das ist ein Zeichen, für die Menschen, die in Tanzschulen waren (also in diesem Festsaal satte 60 %) ihr Können zu demonstrieren.
Dann werden französische Standards, Latins und schließlich Rock´n ´Roll gespielt. Die normannische Kuh fliegt und mittlerweile ist man nicht mehr im Bierzelt, sondern im heutigen Frankreich, dass auch wenn es Sauerkraut (“chouchroute”) gibt, die Kultur des Abends diktiert. Ach wäre es in Deutschen Bierzelten doch auch so.
Ich bin begeistert.

Ein Jahr Frankreich # 23 Der Aprilfisch

Dienstag, 01. April 2008

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Man kann ihn nicht angeln und nicht essen, aber es gibt ihn.
Fisch verfremdet
Ein Fossil? Ein Bild von Warhol?
Wenn man in Frankreich einen Aprilscherz macht, dann hat man es mit einem poisson d´avril zu tun.
Es gibt Aufkleber in Fischform, die man anderen auf den Rücken klebt und natürlich kann man auch Lügengeschichten vom Stapel lassen und Schabernack treiben. Die Kinder basteln Fische und freuen sich, dass man mal Blödsinn verzapfen darf.
April, April!

Ein Jahr Frankreich # 22 “Das Boot”

Freitag, 14. März 2008

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Es wird hier stehenbleiben und zu Staub zerfallen.
Ein Verein hat sich dem Skelett des Bootes angenommen und wird nicht zulassen, dass es weg kommt. Es wird die Zeiten überdauern und sich langsam auflösen.
Portbail
Es liegt in Portbail, einem schmucken Dorf am Meer in der Normandie, auf dem Weg zum Strand linkerhand in den Dünen.
Sollten wir im Sommer zurückgehen, dann werde ich diese Tage vermissen, an denen man einfach ans Meer fährt. In 15 Minuten Meerluft. Tief einatmen.
In Portbail schleppen die Fischer ihre Boote mit alten Traktoren zum Strand runter. Auf der Rampe, die die Fischer benutzen, stehe ich bei Regen und lese in den “Schiffsmeldungen”.
Nix schöneres.

Ein Jahr Frankreich # 21 “das Frauenbild”

Freitag, 14. März 2008

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Wie immer schreibe ich ganz subjektiv über meine Eindrücke und Erfahrungen:
mit den französischen Frauen, mache ich zwar keine Erfahrungen, aber Eindrücke habe ich viele.
Die Französischen Frauen schauen auf die Deutschen ein wenig herab und haben das “Kinder, Küche, Kirche” der 50 Jahre dabei im Sinn.
Diese ganze leidige Diskussion von wegen Betreuungsmöglichkeit der Kinder ist hier einfach staatlich seit Urzeiten geregelt, man gibt den Zweijährigen in die école maternelle, das kostet nichts und es ist eine durchgehende Betreuung von 9 – 17 Uhr gewährleistet. Punkt. Basta.
Niemand zweifelt hier daran, dass das eine gute Einrichtung ist (vielleicht auch deshalb, weil der Franzose an Staatlichem nicht gerne zweifelt), aber es hat zur Folge, dass sich der Frust unter den Frauen deutlich in Grenzen hält. Freiheit!
Ab dem vierten Kind können auch die Männer unter fortlaufenden Bezügen 2 Jahre zu Hause sein und der Frau beim Erziehen und der Alltagsorganisation helfen.
Selbst die Bauerstochter, zieht ausgefallene Strümpfe und Schuhe an, wenn die den Hof verläßt und überhaupt ist das Detail der große Unterschied.
socken
Wie sich “Monsieur Merkel” (so nennen die Franzosen unsere Kanzlerin) anzieht, das sind die Klamotten eines Mannes, undenkbar für eine Französin. Sie ist eben ein wenig rustikal unsere Ostfrau an der Spitze.
Die neue First-Lady in Frankreich Carla Bruni wird sich in Modefragen wohl keine Fehltritte leisten.
Allerdings hat sie einen Präsidenten abbekommen, der aufgrund des anders geregelten Scheidungsrechtes, zügig wieder verheiratet sein darf und (die Wetten laufen) auch in Zukunft wohl eher mal schnell “Basta!” sagen wird. Wie viele Geliebte er neben ihr haben wird, werden die Deutschen schneller über Spiegel online erfahren, als die Franzosen über ihre Schmierblättchen.
Der Artikel über den “Bespringer” Sarkozy (Spiegel online, 21.01.2008, Titel: Die Staatsaffäre), der sich “nicht mehr an die Vornamen seiner Beischläferinnen erinnern kann” war süß. Allerdings hat es auch Frau Bruni faustdick hinter den Ohren und wird deshalb wegen ihrer langen Liste Verflossener eine Frau mit “jambes legères” genannt. Man darf sich ausmahlen, was diese elastischen Beine so treiben. Da haben sich also die richtigen beiden gefunden.
Was haben wir nun über das Frauenbild gelernt: die Deutschen Frauen haben sich immer noch nicht ausreichend emanzipiert (außer ohne Kinder) und die Französischen Frauen wissen das.

Ein Jahr Frankreich # 20 angewandter Laizismus

Donnerstag, 07. Februar 2008

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Laizismus, also die Trennung von Kirche und Staat äußert sich zum Beispiel so:
Kirche
1.) man muss auch dann, wenn man seine Kinder in eine private Katholische Schule schickt, weder seine Religion angeben noch werden die Schüler gezwungen sie zu praktizieren.
Auch sonst muss man seine Religion auf keinem Formular angeben.
2.) Es gibt leider keine Osterferien.
3.) In der Schule wird auch an Weihnachten kein Engel gebastelt. Alle Symbole des Glaubens haben in der Schule nichts zu suchen. Keine Kreuze, keine Weihnachtslieder und auch kein Krippentheater.

Mein Abitur, das ich an einer katholischen Privatschule machen musste, ging nur mit Unterrichtsfach Religion (Ethik war nicht möglich). Sämtliche Angestellten durften nicht geschieden sein, Frauen wurden schlechter bezahlt als Männer… das volle Programm, mitten in Europa jetzt – der Einfluss der (Katholischen) Kirche ist enorm, da brauchen wir uns gar nicht über andere Religonen aufregen, da muss der Besen erst mal rausgeholt werden.

Ein Jahr Frankreich # 19 internationale Lausbekämpfung

Dienstag, 05. Februar 2008

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So, wer glaubt, er könne den Viechern entkommen, indem er sobald die Kinder in die Schule kommen, ins Ausland geht, der hat sich geschnitten. Die ausländischen Läuse lauern auf jedem noch so süßen Kinderköpfen und stürzen sich natürlich mit Vorliebe auf die neue Geschmacksrichtung (Ausländer sind schließlich seltener). Was tun gegen die “niedlichen” Tierchen?
kopflaus

Achtung für die nun folgende Erkenntnis nehme ich gerne Schecks entgegen:
Wer sich schon mal gewundert hat, dass die Deutschen Läuse auf “Goldgeist” quasi nicht mehr reagieren und einem unter dem Mikroskop den Stinkefinger zeigen, sogar bei anderen chemischen Keulen nur noch mit den Achseln zucken und weiter in die Kopfhaut beißen, der kann nun aufhören, seine Fingernägel zu zerkauen und aufatmen:
Die internationale Lausbekämpfungsbehörde sieht vor, die Immunität der Läuse durch einen Austausch der Produkte auszutricksen. Die Franzosen nehmen gerne mal ein Mittel aus England, die Iren und Schweizer holen sich Deutsche Mittelchen und zack kullern die Läuse aus den Haaren und können nicht mal mehr ein Kreuz schlagen, so schnell sind sie hin.
Wer sich nun aber immer noch nicht traut, über Läuse zu sprechen, der kann sich hier Hilfe holen.
Ansonsten haben alle Eltern, die ihre Läuse verheimlichen und die Lehrer nicht informieren meine tiefempfundene Missachtung. Ihre Verantwortungslosigkeit und falsche Scham ist es schließlich, die der Laus zum Weiterleben verhilft.

Wer in Holland Hunger hat sollte sich lieber keine deftige Mahlzeit bestellen

Dienstag, 22. Januar 2008

denn deftig heisst hierzulande vornehm. Da bleibt mir doch beinah die Spucke fuer eine weitere philosophische Betrachtung der Mentalitaetsunterschiede zwischen Niederlaendern und Deutschen weg.
Da bin ich mir einfach zu deftig fuer, um so etwas vanzelfsprekendes noch zu kommentieren!
Slaapt lekker, ich hoffe nach einem nicht zu deftigen Abendessen…
Eure Oranje

Ein Jahr Frankreich # 18 Der tägliche Ausblick

Montag, 14. Januar 2008

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Ich kann einfach nicht aus dem Haus gehen, ohne sie ungläubig anzublicken. Ist das wirklich keine Fototapete? Wer malt hier solche Panoramen? Auch nach fast 3 Monaten staune ich immer noch über den täglichen Anblick der kleinen Kirche.

# 50 Die Wurzeln, die nach Frankreich führen

Donnerstag, 10. Januar 2008

flaggezwei_jahre_frankreich
Woher kommt der persönliche Bezug zur Bretagne?
Alles fängt damit an, dass ein Mädchen als au pair ins Französische ging, ihr Glück zu suchen. Sie landete bei einer Familie aus Trégastel. Bei einem Schönheitswettbewerb zur Kür der Miss Trégastel nimmt sie selbstbewusst teil und gewinnt – später wird sie beinahe die Miss Bretagne (was, wie ihr Mann versicherte, nur an ihrem deutschen Pass scheiterte und keinesfalls an den anderen Schönheiten).
Dieser Franzose, Sohn der Familie, bei der sie als Au-Pair lebt, verliebt sich in sie, und bald darauf sind sie ein Paar.
Es beginnen Wurzeln bis in die Bretagne zu wachsen, nun schon über drei Generationen hinweg.